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Foto: WZ-Bilddienst

8.11.19

Brand der Synagoge: Von der Schicksalsnacht einer Stadt

Pastor Frank Moritz setzt sich dafür ein, dass die Geschichte der Juden an der Jade lebendig bleibt.

Von Colla Schmitz

Wilhelmshaven - Wilhelmshaven war ein Jahr alt, als es in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 seine Unschuld verlor. Denn erst am 2. April 1937 waren die oldenburgische Stadt Rüstringen und das preußische Wilhelmshaven zu einer neuen Stadt, so wie wir sie kennen, vereinigt worden.

Nur 19 Monate später brannte die Synagoge an der Börsenstraße in der Reichspogromnacht lichterloh. Die lokale Presse titelte daraufhin: „Wilhelmshavens Synagoge brannte nieder – Spontane antijüdische Kundgebungen in unserer Kriegsmarinestadt –  Juden wurden in Schutzhaft genommen –  Demonstrationen vor den Judengeschäften“. Zeilen, die erahnen lassen, wer hier die Feder führte. Der redaktionelle Beitrag lässt daran keine Zweifel: „Es war kurz nach drei Uhr nachts, als die Bewohner der Börsen- und der Göringstraße durch eine dumpfe Detonation aus dem Schlaf geweckt wurden. Mit lautem Krach stürzte ein großer Teil der nach der Börsenstraße gelegenen Front der Synagoge ein. Feuer war im Innenraum des Judentempels ausgebrochen, und die sich im Innenraum entwickelnden Gase hatten das Mauerwerk mit großer Gewalt herausgedrückt. Die Feuerlöschpolizei war bald zur Stelle und sicherte die angrenzenden Gebäude, so den Brand auf seinen einzigen Zweck – den der Vernichtung des Judentempels –  beschränkend, denn für uns alle war die Synagoge immer noch das Symbol des noch nicht endgültig gebrochenen jüdischen Ungeistes...“

An der Jade zu Hause
Erst habe die Synagoge gebrannt, dann die Öfen von Auschwitz und am Ende die ganze Welt, beschreibt Pastor Frank Moritz die dunkelste Phase der deutschen Vergangenheit. Seit 1988 ist er Pastor in der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Bant: „Schon in meinem ersten Jahr habe ich einen  Gottesdienst  zum Novemberpogrom gehalten.“ Das Thema bewegt ihn seit langem. Bereits 1987 war der Theologe aufgrund seiner Arbeit bei der Polizeiseelsorge nach Israel geflogen. Das habe ihn beeindruckt und geprägt, erklärt der 60-Jährige, der sich seit seinem Studium ebenso wie sein Studienfreund Pastor Kai Wessels intensiv mit dem Verhältnis der Kirche zum Judentum beschäftigt. In Wilhelmshaven ist er daher Ansprechpartner, wenn es um die Geschichte der Juden an der Jade geht. Und die ist beinah genauso alt wie die 150-jährige Historie des kaiserlichen Marine-Etablissements.  Schon 1875 werden die ersten vier jüdischen Familien urkundlich erwähnt. Doch erst mehr als ein Vierteljahrhundert später wurde am 1. April 1901 eine selbstständige Synagogen- und Religionsschulgemeinde für die mittlerweile 130 Mitglieder gegründet. Zuvor war man auf die Synagogen- und Schulgemeinde Neustadtgödens ausgewichen. „Gottesdienste fanden von da an in Privaträumen, der Gaststätte ,Berliner Hof‘ und ab 1902 im Bethaus an der Börsenstraße, das von Rüstringer und Wilhelmshavener Juden genutzt wurde, statt“, skizziert Pastor Moritz die besondere räumliche Situation. Und nicht nur die war ungewöhnlich. Ursprünglich bildete Wilhelmshaven eine Doppelgemeinde mit den umliegenden oldenburgischen Ortschaften Bant, Heppens und Neuende. Aufgrund dieser Konstellation zählten letztere zum Landesrabbinat an der Hunte, während die Wilhelmshavener Juden zum preußischen Emden gehörten.



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