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Anfang Januar verbrannten iranische Demonstranten in Teheran eine nachgebildete US-Fahne bei einer Demonstration gegen die regimekritischen Proteste. DPA-Foto: Noroozi
Ulrich Tilgner. Foto: Verlag/p

12.01.18

Freitagsgespräch: „Logik der Waffen wird Konflikte nicht lösen“

In der Politik dominiert die Logik der Waffen. Davon ist Orient-Experte Ulrich Tilgner, der am Montag in Wilhelmshaven einen Vortrag hält, überzeugt.

Von Stephan Giesers


Ulrich Tilgner berichtete seit 1980 als Korrespondent  aus dem Nahen und Mittleren Osten. Sowohl während des zweiten Golfkriegs als auch während des Irak-Kriegs 2003 war er als Kriegsberichterstatter in Bagdad. 2002 übernahm Tilgner die Leitung des ZDF-Büros in Teheran.

Zudem  war er ZDF-Sonderkorrespondent für den Nahen und Mittleren Osten, insbesondere Afghanistan und Irak.  In seinem Vortrag „Westliche Politik im Orient: Eine Spur des Scheiterns“ wird Tilgner auf die  politische Situation im Mittleren Osten eingehen. Montag, 15. Januar, 18.30 Uhr, Hans-Beutz-Haus, Virchowstraße 29.
Im "Freitagsgespräch" der WZ spricht Tilgner über die politischen Spannungen im Mittleren Osten und im Iran. 

WZ: Herr Tilgner, Ihr aktuelles Buch heißt „Logik der Waffen“. Wieso haben Sie diesen Titel gewählt?

Ulrich Tilgner: Ich glaube, dass die militärische Entwicklung die Politik immer mehr beeinflusst. Das sehen Sie schon daran, dass über die Bundeswehreinsätze in Afrika immer weniger geredet wird – auch nicht im Bundestag. Als die Soldaten der Bundeswehr damals nach Afghanistan geschickt wurden, hat man noch von „Helfern in Uniform“ gesprochen. Davon ist heute keine Rede mehr.   Diplomatie rückt immer mehr in den Hintergrund. Das wird auch durch die Entwicklung der Waffen geprägt. Die Frage ist nur noch, wann es eine autonome, computergesteuerte Kriegsführung geben wird.  Vielleicht in 20 Jahren, einige sagen, dass es  sogar noch eher dazu kommen wird. Was es da an Möglichkeiten gibt, ist extrem angsteinflößend.

WZ: Wie lässt sich   in diesem Zusammenhang die aktuelle Lage im Mittleren Osten erklären?

Tilgner: Der Rückzug der USA und das Bündnis mit Saudi-Arabien verändert die Politik und prägt sie heute extrem stark. Der  iranisch-amerikanische Gegensatz hat dazu geführt, dass sich die Iraner  immer mehr auf ausländische Intervention verlassen. Sie haben ja praktisch ein großes Mitspracherecht im Irak, sie unterstützen die Hisbollah  im Libanon und haben letztlich Syriens  Staatspräsidenten Assad  gerettet. Das machen sie, um außerhalb des Landes Faustpfänder zu haben, falls es zu einem Krieg mit den USA kommt. Und die Amerikaner ziehen sich  zurück, weil sie nicht mehr so sehr auf Öleinfuhren angewiesen sind. Versuche, die Politik im Mittleren Osten direkt zu beeinflussen, sind viel zu teuer geworden. Deshalb setzen die USA auf eine Art Stellvertreterkonfrontation. Sie stehen hinter Saudi-Arabien,  die Saudis  machen in der Region gegen den Iran mobil – und umgekehrt.   

WZ: Steht der Mittlere Osten  vor einem  Flächenbrand?

Tilgner: Das glaube ich nicht. Die Vereinigten Staaten profitieren zwar von den Spannungen, sie wollen aber keine Eskalation. Die USA wissen, dass der Iran im Krieg sehr stark sein wird. Er verfügt ja über ein unglaubliches Arsenal an Mittelstreckenraketen, die an allen Grenzen des Landes stationiert sind. Die iranischen Streitkräfte würden diese auch auf amerikanische Positionen abschießen. Sollte es zu einem saudisch-iranischen Krieg kommen, könnten die Iraner die Saudis auf Dauer militärisch dominieren. Die USA wissen, dass sie dann eingreifen müssten und zwangsläufig in einen Krieg hingezogen würden.

WZ: Wie äußert sich das in der USA-Politik? 

Tilgner: Diese Politik konnte man zum Beispiel sehen, als der damalige US-Präsident Obama Israel immer mehr in die Schranken gewiesen hat, als Staatspräsident Netanjahu mit militärischen Alleingängen gegen Iran drohte. Die Iraner sind, was Israel betrifft, sehr verwundbar. Die Israelis können einen Angriff beginnen, aber einen Krieg nicht erfolgreich weiterführen. Das heißt, die USA müssten eingreifen. Deshalb werden sie Staaten zur Zurückhaltung drängen, wenn sie Iran zu stark drohen oder gar militärisch vorgehen wollen.

WZ: Wie interpretieren Sie die jüngsten Proteste im Iran? 

Tilgner: Das war ein Aufstandsversuch der Ärmsten der Armen. Nach dem Abkommen mit den USA um den Wegfall der weltweiten Sanktionen hat sich die Wirtschaft im Iran 2016 relativ gut entwickelt und ist jetzt in ein Loch gefallen, weil viele iranische Betriebe der Weltmarktkonkurrenz nicht standhalten können, nachdem viele Länder ihre Sanktionen beendet haben.  Menschen, die eh nichts hatten, stehen vor Arbeitslosigkeit und Armut – da kommt es zu diesen radikalen Protesten. Die Mittelschichten und Bewohner der größten Städte haben sich diesen Protesten nicht angeschlossen.

Lesen Sie den ganzen Artikel in der "WZ"

Digitale Ausgabe vom 12.01.2018
1,70 €
Preis inkl. MwSt.
Seitenzahl: 32
PDF Größe: 0,0 MB


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